Durchgängige Geschlechtergleichstellung an Universitäten
männl. o. weibl. Wissenschaft? - Chancen auf Gleichstellung druch Bildung - Aktionsprogramm
An den österreichischen Universitäten studieren und arbeiten Frauen und Männer in unterschiedlichen Lebens- und Arbeitszusammenhängen und mit teilweise stark divergierenden Voraussetzungen. Die Lebenswirklichkeiten von Frauen und Männern sind auch an den Universitäten stark unterschiedlich.
Während diverse Förderungsprogramme (z.B. FIT) dafür gesorgt haben, dass der Frauenanteil unter den Erstinskribierten und Studierenden seit den 1970er Jahren gestiegen ist, bleibt der Anteil von Frauen beim wissenschaftlichen Spitzenpersonal gering. Die Perspektiven für Studentinnen sind nach wie vor von Diskriminierung geprägt. Die Widerstände, auf die Frauen im beruflichen wissenschaftlichen Alltag stoßen, und die sozialen Anforderungen, die an Frauen gestellt werden, sind wohl nach wie vor zu groß als dass eine Gleichverteilung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern möglich ist. Nicht individuelle Entscheidungen von Frauen gegen eine wissenschaftliche Karriere sondern vielmehr die sozialen Prozesse und Mechanismen im Wissenschaftssektor sorgen für das „akademische Frauensterben“. Unter anderem die Vorstellung vom Leben für die Wissenschaft allein und das Unsichtbarmachen der außerwissenschaftlichen sozialen Verpflichtungen von Frauen und Männern im Alltag sorgen für eine Verdrängung von Personen mit Betreuungspflichten (nach wie vor meist Frauen) an Spitzenpositionen.
Männliche oder weibliche Wissenschaft?
Der gesellschaftliche Auftrag der Universitäten in der Frage der Gleichstellung von Frauen und Männern besteht darin für beide gleichwertige Voraussetzungen und Möglichkeiten zu bieten ihre Fähigkeiten herzustellen und zu sichern. Sowohl an den technischen als auch an den geisteswissenschaftlich geprägten Universitäten werden die Oppositionen zwischen Frauen und Männern – und damit das soziale Geschlecht (Gender), Rollenzuschreibungen wie Männer oder Frauen sein sollen – regelmäßig klischeehaft reproduziert. Die Unterscheidung zwischen „hard“ und „soft sciences“ scheint mehr denn je eine Demarkationslinie zwischen Männer- und Frauenstudien zu bilden, wie die Studierendenzahlen zeigen: Zum Beispiel studieren an der Technischen Universität in Graz 7.119 Männer und 1.658 Frauen während es an der Veterinärmedizinischen Universität in Wien 1.816 Studentinnen und 412 Studenten gibt (ordentliche Studierende nach Frauen und Männern, Wintersemester 2005).
Weiterhin werden Vorstellungen und Werthaltungen darüber wie Frauen und Männer sind bzw. sein sollen reproduziert und die Tendenz vorwiegend weiblich Konnotiertes (dem weiblichen Geschlecht Zugeschriebenes) gegenüber männlich Konnotiertem (dem männlichen Geschlecht Zugeschriebenes) abzuwerten beibehalten. Bestrebungen zur Geschlechtergleichstellung werden in technischen und technisch-naturwissenschaftlichen Studien („hard sciences“) oft als irrelevant abgetan. Humanwissenschaftliche Bezüge werden unter der vorherrschenden androzentrischen Betrachtung als ‚zu wenig wissenschaftlich’ marginalisiert. Die gesellschaftlichen Zuschreibungen werden als Folge immer wieder durch die Studienwahl reproduziert. Ein männerdominiertes Studium ist z.B. das Bakk Forstwirtschaft an der Universität für Bodenkultur mit 78,2% erstinskribierten Männern und nur 21,8% erstinskribierten Frauen im Wintersemester 06/07. Ein frauendominiertes hingegen ist z.B. das Bakk Pädagogik an der Universität Graz mit 895 zugelassenen Frauen und nur 155 zugelassenen Männern im Sommersemester 2006. Es gilt also nicht nur darüber nachzudenken wie die Anzahl von Frauen in technischen Studien erhöht werden kann, sondern auch darüber wie ein Ausgleich des Zahlenverhältnisses von Männern zu Frauen in allen Studien, auch nicht-technischen, zu erreichen ist.
Chancen auf Gleichstellung durch universitäre Bildung
Die Wichtigkeit der durchgängigen Gleichstellungsorientierung an den Universitäten ergibt sich auch aus der Mulitplikatorinnenfunktion der Universitäten. Die Studierenden tragen die Geschlechterrollen und das –verhalten, das sie erlernt haben, aus der Universität hinaus. Die Universitäten als Schnittstelle zwischen Berufs(vor)entscheidungen und der Arbeitswelt bieten die Chance die eingelernten Rollenstereotypen zugunsten der Gleichstellung von Männern und Frauen zu verändern.
Mit dem was an Universitäten gedacht wird, werden die möglichen Perspektiven für die gesellschaftliche Entwicklung hergestellt. Erst mit dem Zulassen von Frauen an Universitäten wurde der Grundstein für die gesellschaftliche Wertschätzung des Beitrags von Frauen in der Wissenschaft gelegt. Erstmals wurden Frauen z.B. an der Universität für Bodenkultur und an der Technischen Universität Wien 1919 als Hörerinnen zugelassen. Die Tradition der gesellschaftlichen Ungleichheit zwischen den Geschlechtern wurde damit jedoch nicht beendet. Die Rücksichtnahme auf die gesellschaftliche Ungleichheit zwischen den Geschlechtern beginnt an den Universitäten bei geschlechtersensibler Didaktik. Kritische Betrachtung der Lehrinhalte, genaue Prüfung von Lehrunterlagen und Lehrmethoden auf Werthaltungen und Vorstellungen zur Rolle von Männern und Frauen bilden einen wesentlichen Teil der durchgängigen Gleichstellungsorientierung an Universitäten.
Das Aktionsprogramm zur Geschlechtergleichstellung muss an mehreren Punkten ansetzen
Das Geschlechterverhältnis entsteht immer neu in der Vermittlung
Wir sehen es als unsere Aufgabe im Rahmen der Studierendenvertretungs-Arbeit den Diskurs über geschlechtersensible Didaktik verstärkt in den universitären Gremien zu führen. Wir fordern Arbeit an geschlechtersensiblen Lernsettings. Guter Kontakt in Lerngruppen ist grundlegende Vorraussetzung für frustrationsfreies Lernen von Studentinnen und Studenten. Studierende sollen sich im Verhältnis zu Lehrenden ermächtigt fühlen eigenverantwortlich Wissen zu erwerben ohne Abhängigkeitsgefühl von „Experten“. Für Lehrende soll die Erstellung qualitätsvoller Lernunterlagen eine Selbstverständlichkeit darstellen. Qualitätsvolle Lernunterlagen ermöglichen den Teilnehmenden einen gleichberechtigten Zugang zu Wissen und Lehrinhalten und gewährleisten Transparenz hinsichtlich der behandelten Inhalte und Quellen. Klar gestaltete Anfangs- und Abschluss-Situationen in Lehrveranstaltungen zum Abbau von sozialen Hemmschwellen und der Austausch von Regeln während der gemeinsamen Arbeit ermöglichen allen Teilnehmenden einen gleichberechtigten Umgang miteinander. Bei der Gestaltung des Lehrprozesses hat der Integration individueller Lebenserfahrungen von Frauen und Männern besonderer Stellenwert zuzukommen. Hierzu besteht eine hohe Anforderung an die Prozesskompetenz von Lehrenden, an die Fähigkeit sich in unterschiedlichen Kontexten zu orientieren und darauf aufbauend gezielte Handlungen zu setzen. Projektmanagement, Organisationskompetenz, Teamkompetenz, soziale Kompetenz und Kommunikationskompetenz sind somit Schlüsselqualifikationen für Geschlechtersensible Didaktik.
Gute Lernräume unterstützen ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis
Gleichberechtigte Lernerfahrungen brauchen Orte, die sowohl für Studentinnen als auch für Studenten einen sicheren Rahmen bieten um gemeinsames Arbeiten zu ermöglichen. Lernräume, die sowohl sicher sind aufgrund ausreichender sozialer Kontrolle als auch Rückzugsmöglichkeit bieten, sind erforderliche Grundvoraussetzung für einen gleichberechtigten Lernalltag von Studentinnen und Studenten.
Geschlechterfairness entsteht nicht von heute auf morgen
Als Basis für einen guten Diskurs über Geschlechtersensible Didaktik sind wir bestrebt die Erlangung von Gender-Kompetenz durch Förderung einer guten Verhandlungskultur und entsprechende Weiterbildungsangebote maßgeblich zu unterstützen. Studierendenvertreterinnen und -vertreter sollen ihr Wissen und ihre Fertigkeiten im Umgang mit Fragen und Problematiken zur Gleichstellung von Frauen und Männern erweitern und vertiefen können um diese für Geschlechtergerechtigkeit einzusetzen.
Die Sprache begründet die Grenzen des Bewusstseins
Bewusstseinsbildung beginnt mit geschlechtergerechtem Sprachgebrauch und muss im wissenschaftlichen Zusammenhang zur Selbstverständlichkeit werden – Sprache schafft Wirklichkeit. Gebildet werden soll darüber hinausgehend ein Bewusstsein um die sich im wissenschaftlichen Alltag abbildende Geschlechterhierarchie, ein Bewusstsein der normativen Dimension von Geschlecht als Prinzip von zugeschriebenen Lebenswirklichkeiten und damit reduzierten Handlungsfreiräumen.
Die Thematisierung des Geschlechterverhältnisses im fachlichen Zusammenhang erleichtert einen positiven Zugang zum Diskurs
Bewusstseinsbildung bedarf der Förderung von Reflexion – in vielen (speziell technischen) Studienplänen fehlen Lehrveranstaltungen zu kritischer Wissenschaftstheorie und –ethik, die zur Bestimmung einer philosophischen Position notwendig sind, um Diskriminierung als ein nicht nur politisches, sondern auch moralisches Problem durchschaubar zu machen. Inhalte zum Thema Geschlechterverhältnis müssen langfristig als Querschnittsmaterie in allen Curricula wiederzufinden sein. Bei der Arbeit am Lehrveranstaltungsangebot aller Universitäten ist darauf Bedacht zu nehmen. Die Sicherstellung curricularer Angebote in Bezug auf Forschung zum Geschlechterverhältnis kann im Rahmen des Frauenförderungsplans der Universiäten stattfinden.
Vorbilder eröffnen Perspektiven
Geschlechtersensible Beratungen zur Studienwahl sind erforderlich zum Abbau von Geschlechterstereotypen – durch eingehende Beratungen und Kontakt mit Personen des eigenen Geschlechts als Vorbilder soll Schülerinnen und Schülern, Maturantinnen und Maturanten die Möglichkeit gegeben werden die tradierten Rollenzuschreibungen zu hinterfragen und eigenverantwortliche Entscheidungen unabhängig vom gesellschaftlich geprägten Geschlecht zu treffen. Um im Rahmen des Studiums die Rechtsinstrumente zur Gleichbehandlung und Frauenförderung in Anspruch nehmen zu können, ist eine entsprechende sachliche Information grundlegende Vorraussetzung.
Die Universitäten selbst haben die Möglichkeit an zweckmäßigen Frauenförderungsmaßnahmen zu arbeiten
Eine weitere Handlungsmöglichkeit auch im Rahmen des Frauenförderplans an den Universitäten ist die verstärkte Vergabe von Stipendien durch die Universitäten und die Förderung gleicher Inanspruchnahme durch Frauen und Männer. Bei Frauen haben Zäsuren im Lebenslauf aufgrund meist größerer sozialer Verpflichtungen viel häufiger den Ausstieg aus Bildung und Berufskarriere zur Folge als bei Männern. Im Zusammenhang mit der Einführung von Bakk/Master-Systemen sollen hierzu entsprechende Beobachtungen angestellt und allenfalls Gegensteuerungsmaßnahmen ergriffen werden.
Gleichstellung im Alltag braucht gleichberechtigte Teilnahme im politischen Entscheidungsprozess
Die Gleichstellung von Frauen und Männern ist eng mit der gleichberechtigten Beteiligung von Frauen und Männern am demokratischen Meinungsbildungsprozess verbunden. Wenn Frauen im öffentlichen und offiziellen Diskurs der universitären und ÖH-internen Gremien nicht zu Wort kommen, können sie die Realität auch nicht gleichberechtigt gestalten. Eine zweckmäßig und fachlich fundierte Erhebung der Beteiligung von Frauen (z.B. Verteilung von Wortmeldungen in gremialen Diskussionen) ist notwendige Grundlage zur Analyse der Situation von Frauen im demokratischen Diskurs. Leere propagandistische Bekenntnisse zu Genderpolitik lehnen wir entschieden ab. Den Worten müssen Taten folgen! Inwieweit Maßnahmen zur Geschlechtergleichstellung in Folge umgesetzt werden können hängt zuallererst von der Diskursbereitschaft der beteiligten handelnden Personen ab. Über diesen Diskurs werden wir seitens der Studierenden nicht müde!
Jedes politische Programm braucht entsprechende interne Politik
Da zielorientertes Handeln im Sinne der Geschlechtergleichstellung immer mit der Reflexion der eigenen Position beginnt ist es erforderlich die Gleichstellungsperspektive zuallererst auch in den eigenen Reihen einzunehmen. Die Rahmenbedingungen der Vertretungsarbeit müssen eine Zusage zur Beteiligung an Maßnahmen zur Gleichstellung beinhalten. Das HSG muss in relevanten Punkten ergänzt werden um langfristig das Bewusstsein in den eigenen Reihen zu beeinflussen. §27 Abs.2 soll ergänzt werden durch „4. Referat für Gleichstellungspolitik“ und § 31 Abs.3 durch „Bei der Erstellung des Jahresabschlusses ist zusätzlich eine Aufschlüsselung der Ausgaben im Bereich Personalaufwand und Aufwendungen für MitarbeiterInnen nach Männern und Frauen anzuschließen“.
Allgemein gilt, dass die Veränderung des Geschlechterverhältnisses, der Abbau der Hierarchie der Geschlechter, nicht ohne eine Stärkung der Eigenständigkeit von Frauen bei gleichzeitiger kritischer Auseinandersetzung mit gesellschaftsprägenden Vorstellungen von hegemonialer Männlichkeit möglich ist. Jegliches strategische Vorgehen im Sinne von durchgängiger Geschlechtergleichstellung ist nur in Kombination mit Frauenförderungsmaßnahmen und einer Stärkung des Diskurses zu kritischer Männerforschung zielführend.