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Eignungstest für das Medizinstudium

| Von gabor | Permanenter Link | Allgemein

Aus vielen Zeitungsberichten der letzten Tage gingen die Themen Zugangsbeschränkungen und Studienplatzbewirtschaftung an den Hochschulen hervor. Diese Themen sind zwar im Bildungsbereich (neben Studiengebühren und Unterfinanzierung) ein Dauerbrenner, letzten Freitag wurde diese Diskussion durch den stattfindenden Eignungstest für das Medizinstudium (kurz EMS) angefacht.

 

Ich wollte wissen, ob ich für das Medizinstudium geeignet bin, und ob ich genommen werde, dementsprechend habe ich mich für diesen Test angemeldet. Die Anmeldung alleine war schon ein bürokratischer Hürdenlauf, was beim Test selbst nicht besser wurde.

Vorabinfo

 

Die Mißstände bezüglich den überlaufenen Studien Human- und Zahnmedizin sind meist allgemein bekannt. Schon vor der Verurteilung Österreichs durch den Europäischen Gerichtshof wurden die Medizinstudenten und -innen auf die eine oder andere Weise ausgesiebt. Vor dem Studium ging es nicht, also hat man mit KO-Prüfungen die Studierenden rausgeschmissen. Genannt wurde das selbstverständlich nicht KO-Prüfung - solche waren nämlich nicht erlaubt, aber allen war klar, daß ein "Hinausprüfen" stattgefunden hat.

 

Lange Zeit hat man die ausländischen Studierenden "ferngehalten", indem man von ihnen einen "Heimstudienplatznachweis" verlangte. Vor ca. einem Jahr wurde diese Regelung vom EuGH aufgehoben. In Europa sind nämlich alle gleich... Einen Ansturm deutscher Studierenden hat man befürchtet, und dies ist auch eingetreten; letztes Jahr hat man sich größtenteils über die Konsequenzen noch drübergeschummelt, die drei Medizinstandorte schlugen noch vollkommen verschiedene Lösungswege ein. Die Medizinuni Wien hat mit dem First-Come-First-Served-System eine Schlacht um die freien Plätze eröffnet. Es war allen (wirklich allen?) klar, daß dies nur eine vorübergehende Regelung war.

 

Die neue Regelung

 

Die Medizinuniversitäten Innsbruck und Wien haben beschlossen, ab heuer den sogenannten EMS aus der Schweiz zu importieren und als Auswahlkriterium zu verwenden. Dieser Test wird neben diesen 2 Universitäten auch noch von den Universitäten Basel, Bern, Freiburg und Zürich verwendet und hat für Innsbruck und Wien insgesamt 60.000 EUR gekostet. (Das sind ca. 165mal Studiengebühren, dazu kommen noch weitere Kosten wie Hallenmiete, Personalkosten,... .) Nach den Testergebnissen werden dann die Besten zum Medizinstudium zugelassen, wobei für österreichische Staatsbürger und -innen 75% der Studienplätze vorgesehen sind.

 

Der Test

 

Der Test selber besteht aus 10 Untertests mit insgesamt 198 Fragen, Vorwissen ist kaum von Nöten. Dies bedeutet aber nicht, daß man sich auf den EMS nicht vorbereiten kann - auch wenn viele (Befürworter und -innen) dies behaupten!

 

Wie folgt gliedert sich der Test:

  • Quantitative und formale Probleme: Mathematisches und physikalisches Grundwissen werden abgecheckt. Prinzipiell reicht hierzu Unterstufenwissen, man sollte hier stets gut in Formelumformungen sein und mit dem Umrechnen zwischen verschiedenen Maßeinheiten per Du sein. Auch sollte man eine gewisse Fertigkeit in der Interpretation von Textangaben und der Umsetzung derer in mathematische Formeln mitbringen.
  • Schlauchfiguren: Eine Schlauchfigur ist von vorne und aus einer zweiten anderen Perspektive photographiert. Man soll erkennen, ob diese andere Sicht von hinten, von rechts, von links, von oben oder von unten photographiert worden ist.
  • Textverständnis: Mehrere nicht kurze Texte mit vielen medizinischen Ausdrücken und Zusammenhängen werden vorgelegt. Danach werden zu den Texten Fragen gestellt, worauf die Antworten sich meist nicht 1:1 aus dem Text ergeben, sondern viele Stellen des Textes beachtet werden müssen, um die Frage beantworten zu können.
  • Planen und Organisieren: Drei verschiedene Fälle müssen terminlich durchgeplant werden. Dazu gibt es dann verschiedene Fragen. Dies läßt sich wohl am einfachsten am konkreten Beispiel darstellen. Eine der Aufgaben beim heurigen EMS war das Organisieren einer Fete - man merkt, der Test wurde nicht von Österreichern erstellt ;-). Hierbei waren einige Punkte vorgegeben, was gemacht gehört, wann welcher Vorgang begonnen werden kann, wie lange ein Vorgang dauert und wieviel Personen gleichzeitig arbeiten können. (Manche Vorgaben waren schon sehr unrealistisch, z.B. daß man 3 Bars am Fest hat und die alle drei von verschiedenen Getränkelieferanten beliefert werden - ich glaub, die Testersteller und -innen haben noch nie ein Festl geschmissen.) Nach der Angabe wurde dann z.B. gefragt, wie viele Stunden vom Anfang bis zum Ende gebraucht wreden, wie wirkt sich eine Verzögerung bei bestimmten Tätigkeiten aus (Lieferant kommt zu spät) etc..
  • Konzentriertes und sorgfältiges Arbeiten: Hier geht es um Buchstaben-Durchstreichen. Es wurden uns 1600 Zeichen bestehend aus den Buchstaben b, d, p und q vorgelegt. Durchzustreichen waren alle b's, wenn direkt davor ein d gestanden ist, und alle p's, wenn direkt davor ein q gestanden ist. Alle anderen b's und p's und die Buchstaben d und q überhaupt waren nicht durchzustreichen.
  • Gedächnistest Figuren lernen: Figuren wurden uns vorgelegt, bei denen eine Stelle schwarz war. Nach dem Untertest " Med.-naturwiss. Grundverständnis" wurde dann abgefragt, welche Stelle der versch. Figuren schwarz war.
  • Gedächnistest Fakten lernen: 20 Personennamen samt Geschlecht, Beruf, Krankheitsbild und noch einer weiteren Eigenschaft wurden angegeben. Ebenfalls nach dem Untertest " Med.-naturwiss. Grundverständnis" wurden hierzu fragen gestellt, wie z.B. die 35jährige Frau a) ist geschieden, b) hat Fieber, c) ist Journalistin, ....
  • Med.-naturwiss. Grundverständnis: Aus meiner Sicht ist dieser Test sehr ähnlich zum Test "Textverständnis", nur sind die Texte etwas kürzer - und ev. ein bisschen mehr Dichte an medizinischen Zusammenhängen.
  • Muster zuordnen: Es werden zu einem Bild 5 ähnliche Bildausschnitte gezeigt. An 4 von denen gibt es kleine Abänderungen, nur eines von den 5 Bildern ist tatsächlich zu 100% der zugehörige Bildausschnitt.
  • Diagramme und Tabellen: Es werden Diagramme vorgelegt, und dazu werden Fragen gestellt. Die Diagramme sind meist etwas mit Informationen überladen, oft sieht man nicht auf einen Blick, was genau ausgesagt wird - also keine einfachen Tortendiagramme.

 

War der Test schwer?

 

Jein! Wie schon erwähnt, war Vorwissen kaum wirklich erforderlich. Die Fragen waren alle aus dem Text 1:1 ableitbar. Gibt man einem durchschnittlichen Maturanten bzw. einer durchschnittlichen Maturantin diesen Test und sagt: in 24 Stunden soll alles fertig ausgefüllt sein, dann wird dies kein Problem für die betroffene Person darstellen, alle Fragen werden richtig beantwortet sein. Selbst ein Kroneleser bzw. eine Kroneleserin findet zwischen zwei Bildern 5 Fehler! Im Ernstfall, wenn die Zulassung zum Medizinstudium am Spiel steht, hat man ca. 5 Stunden für alle 198 Aufgaben Zeit. Aus meiner Sicht unschaffbar, bin auch überzeugt, daß der EMS auch direkt so konzipiert worden ist, daß man die Bewerber und -innen künstlich unter extremsten Zeitdruck setzt. Und weil viel am Spiel steht, sind die Teilnehmer und -innen sowieso schon sehr angespannt, und diese Zeithetze setzt noch mehr zu. Dazu kommt noch die künstlich erzeugte nervöse Stimmung im Saal, was noch mehr zusetzen soll. Unter diesen beschriebenen Umständen ist der Test nicht leicht!

 

Organisation

 

Um 8 Uhr sollte man vor Ort am Messegelände im 2. Wiener Bezirk sein, mit dem Einlass in die Halle A hat man um 8.15 begonnen. Dies sollte laut Plan bis 9.15 abgeschlossen sein, um 9.30 hätte man mit dem Test beginnen sollen. Tausende waren rechtzeitig da und warteten. Aber so wirklich ging nichts weiter, sehr bald war allen klar, daß der Beginn 9.30 nicht haltbar ist. Wieso? Weil die Kontrollen ärger waren, als ich selbst je erlebt habe. Bei einem der drei Eingänge habe ich dann mal geschaut, wieviele Personen in 5 Minuten durchgelassen werden: 30. Nach oben abgeschätzt also wurden pro Minute 20 Leute durch die drei Eingänge in die Halle gelassen. Mit dieser Geschwindigkeit hätte man für die ursprünglich erwartete Menge ca. 3 Stunden gebraucht. (Man hat gemerkt, daß die Zuständigen den EMS annodazumal noch nicht machen mußten, sonst wüßten sie, wie man so etwas organisiert - siehe Untertest Organisieren *g*.)

 

In die Halle mitnehmen konnte man - von Kleidung abgesehen - Bleistifte (vorgeschriebene Härte), Radiergummi, Spitzer. Wasserflaschen und Essbares wurden gerade noch akzeptiert. Zusätzlich - um überhaupt reinzukommen - brauchte man die persönliche Einladung zum Test und einen amtlichen Lichtbildausweis. Alles darüber hinaus wurde nicht toleriert. Handys und Ähnliches waren ausdrücklich verboten, auch Rucksäcke standen auf der schier unendlichen Liste der verbotenen Gegenstände. Daß man durch einen Metalldetektor gehen mußte, versteht sich von selbst. Dieser war auch anscheinend sehr empfindlich eingestellt, Metallschnalle am Gürtel brachte das Gerät zum Piepsen. Dementsprechend hat man den Gürtel auch ausziehen müssen, dies verlangsamte die Prozedur weiter. Die Diskussionen über "was darf ich jetzt doch mit hineinnehmen" machte die Bearbeitung auch nicht schneller. Der Test konnte dementsprechend erst um 10:42 starten. (Glück hatte die Veranstalterin, da bei weitem nicht so viele Personen wie angemeldet erschienen waren. Desweiteren wurden zum Schluss die Kontrollen "schleißiger" - aber noch immer hat man geglaubt, daß im Saal was verdammt Schützenswertes ist.)

 

In der Halle selber wurde auch militärischer Drill praktiziert. Von einem "Kontrollpult" wurden die Regeln vorgegeben und die Kommandos erteilt. "Blättern sie jetzt um" und "Niemand verlässt den Platz bis ich es sage" waren nur zwei Beispiele des militärischen Drills, die Teilnehmer und Teilnehmerinnen folgten den Befehlen wie Roboter. Pro Sektor durften gleichzeitig nur 2 Personen aufs Klo. (Wir waren in insgesamt 12 Sektoren unterteilt.) Die Sicherheitsvorkehrungen waren in der Halle selber auch noch hoch, zwar hatten die angeblich 110 Helferlein alles schnell unter Kontrolle, aber ganz so wie geplant funktionierte der Zeitablauf auch nicht - zusätzlich mußte man Verzögerungen in Kauf nehmen.

 

Meine Meinung zum Test

 

Unnötig. Ob irgendwer ein guter Mediziner bzw. eine gute Medizinerin wird, erkennt man nicht. Ich gehe sogar so weit, daß man durch solche Tests sogar die genialen Persönlichkeiten auch aussiebt. Unkonventionelle Zugänge, Persönlichkeit, soziale Komponenten kommen bei diesem Test unter die Räder. Wer schnell und genau Vorgaben abarbeitet wird beim Test gut abschneiden. Je näher die eigene Leistung an der Leistung eines Computers ist, desto besser wird das Testergebnis. Computer sind aber nur gute Helfer, weitergebracht haben sie von alleine noch wenig. Mir persönlich ist zwar wichtig, daß eine Operation gut verläuft, diese muß aber nicht in Rekordzeit erledigt werden. Da ist mir schon wichtiger, daß der behandelnde Arzt bzw. die behandelnde Ärztin bei der OP einen genialen Einfall hat, wenn alles andere versagt. (Ein Freund von mir entging einer Fußamputation nur deshalb, weil der Arzt etwas Neues ausprobiert hat.)

 

Selbstverständlich ist es für einen zukünftigen Arzt bzw. eine zukünftigen Ärtzin wichtig, unter einer Stressituation noch immer schnell und genau zu arbeiten. Es stellen sich für mich dabei aber 2 Fragen:

a) Muß eine 17 bis 19 jährige Person schon soweit sein? Hand aufs Herz: Wer kann von sich behaupten, mit ca. 18 schon die gleiche Stressresistenz gehabt zu haben, wie mit 28?

b) Muß man dafür einen 60.000 EUR teuren Test verwenden? Man hätte dazu auch einfach eine Kronezeitung hernehmen können und das Sudoku und das Fehlersuchbild den Kandidaten und Kandidatinnen vorlegen können, und die ersten x Personen, die beides gelöst haben, hätten den Test geschafft. Sagt genau gleichviel darüber aus, ob man im Studium richtig ist, wie der EMS.

 

Die Parasiten

 

Abschließend will ich noch etwas erwähnen. (Man könnte noch stundenlang weiterschreiben, aber irgendwann muß mal aus sein :-).) Die Veranstaltung des EMS in der Messehalle wurde von Privatunis als Gelegenheit genützt um Flyer zu verteilen, die erklärten wie man auch abseits des Medizinstudiums an der Medizinischen Universität Wien Arzt bzw. Ärztin werden kann. Die Sache kostet nur etwas... Daraus wird klar, daß die Kinder reicher Eltern so oder so Ärzte werden - nur "der kleine Mann" zahlt wiedereinmal drauf.

 

Mal schauen, ob ich nächstes Jahr Medizin studiere!

 

P.S.: Ursprünglich wollte ich hier auch Photos einfügen - aber ohne Photoapparat war das doch recht schwierig... Böse MUW


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