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Die Universitäten - ein Zustand
26.09.2006 20:02 | Von kath | Permanenter Link | AllgemeinDie kürzlich erschienene OECD-Studie zeigt die Situation an den österreichischen Universitäten so, wie sie ist: bescheiden. Von ungefähr 200.000 Studierenden in Österreich kann das wohl niemanden besonders überraschen. Ein Lagebericht von innen.
Die ersten Probleme zeigen schon an der Art, wie man hierzulande in den tertiären Bildungsbereich hineinstolpert: Ob Entscheidungshilfe in Form fundierter persönlicher Beratung verfügbar ist, ist schiere Glückssache und hängt hauptsächlich von der geographischen Entfernung zur nächsten Universitätsstadt und vom Engagement der BildungsberaterInnen an der jeweiligen Schule ab. Die ÖH bemüht sich nach Kräften, ist aber in ihren (finanziellen) Kapazitäten beschränkt und kann eine spezifische Studienberatung, keinesfalls aber eine allgemeine Berufsorientierung für MaturantInnen bieten. So beginnen viele SchulabsolventInnen mit falschen Erwartungen und Hoffnungen ein Studium, das sie schon bald wieder abbrechen oder wechseln.
Voller Relikte
Diejenigen, die sich für die akademische Bildung entschieden haben, können in den folgenden Jahren nicht nur ihren Wissensdurst stillen. Denn die Universitäten sind Stätten der Wissenschaft und ihrer Lehre – keine Frage; aber man erlebt hier auch seine blauen Wunder.
Da wird einem im Praktikum ein Messgerät vor die Nase gestellt, dessen baugleiches Pendant im Technischen Museum Wien die Beschriftung „um 1920“ trägt. Da bekommt man bei Prüfungen Fragen vorgesetzt, die weit außerhalb des behandelten Stoffgebietes der Lehrveranstaltung liegen oder wo man für eine Vorlesungsprüfung über drei Semesterstunden fast ein halbes Jahr lernen muss um sie zu bestehen. Da steht – auch wenn die Unis gar nicht gern darüber reden – noch immer eine beachtliche Zahl von Lehrenden an den Kathedern, die den weiblichen Teil der Studierendenschaft für prinzipiell minder begabt hält und das in ihren Lehrveranstaltungen ungeniert durchblicken lässt. Weltklasse-Uni? Na klar doch.
Hinzu kommen jahrelange Wartezeiten in manchen Studienrichtungen, weil aus Geldmangel nicht ausreichend Lehrpersonal angestellt werden kann (oder will) – eine der Universität unwürdige Methode, um potentielle Studierende von Fächern abzuschrecken, wo die Zahl der AbsolventInnen den (heutigen) Bedarf übersteigt. Dabei funktioniert sie gar nicht – die überlaufenen Studienrichtungen sind Jahr für Jahr dieselben, die durchschnittlichen Studienzeiten steigen durch den Rückstau noch zusätzlich an. Die Entscheidung hingegen, welche Fächer junge Menschen anziehen, fällt meist schon in der Schulzeit. Daher müsste dort verstärkt angesetzt werden, wenn man sich beispielsweise mehr Absolventinnen in technisch-naturwissenschaftlichen Disziplinen und weniger in Lehramtsfächern oder Psychologie wünscht.
Ein weiteres Ärgernis ist der geringe Stellenwert, den die Lehre neben Forschung und den eigenen Firmen, Büros, Privatpraxen und ähnlichem. einnimmt. Ein Gutteil der Lehrenden hat aber offenbar noch nie einen Blick in Studienpläne gewagt, zu denen ihre Lehrveranstaltungen gehören, und liegt daher in der Einschätzung des Vorwissens seiner oder ihrer HörerInnen vollkommen daneben. Auch die Kommunikation über Lehrinhalte mit den FachkollegInnen dürften nicht alle pflegen. Anders lässt sich nicht erklären, warum manche Stoffgebiete doppelt und dreifach, andere hingegen gar nicht vorkommen. Sprechen die Studierenden in den Studienkommissionen solche Missverhältnisse an, herrscht immer großes Staunen. Geändert hat sich aber in den seltensten Fällen etwas.
Kontraproduktive Unipolitik
Demotivierte, überforderte und teilweise auch ungeeignete Lehrende hat es an den Unis immer gegeben – auch jene, die die Studierenden als wöchentliches Ärgernis und Störung ihrer universitären Ruhe betrachten. Dieses Problem wird aber durch die Universitätspolitik der letzten Jahre – den Geldhahn zudrehen, alle Macht den ProfessorInnen – systematisch verschlimmert.
Wer hat noch Zeit und Muße für engagierte Lehre, wenn das Universitätsbudget so niedrig ist, dass sich die Institute hauptsächlich der Geldbeschaffung aus Drittmitteln widmen müssen, um den Betrieb überhaupt aufrecht zu erhalten? Der junge Mittelbau ist mit den teilweise prekären Beschäftigungsverhältnissen belastet – der etablierte Teil durch seine Entmündigung durch das Universitätsgesetz 2002 demotiviert. Nicht zu vergessen diejenigen, die sich zwar für Forschung interessieren, nicht aber dafür, ihr Wissen an Studierende weiterzugeben – mit dieser Einstellung ist die Uni nun einmal der falsche Arbeitsplatz!
Das Augenmerk bei Anstellungen liegt inzwischen eher auf der Anzahl wissenschaftlicher Publikationen und auf guten Kontakten zu möglichen GeldgeberInnen. Der Eignung des „Lehrens“ wird kaum noch Beachtung geschenkt. Aber auch hier setzt das Problem schon früher an, da sich vor allem auch bei den Habilitationsverfahren mittlerweile eine ordentliche Schieflage eingestallt hat. Die venia docendi ist die Befugnis zu Lehren. Ob die HabilitandInnen diese Qualifikation mitbringen oder sich erarbeitet haben, ist bei den Verfahren mittlerweile nur noch die Garnierung – die obligate Kirsche am fetten Forschungsschlagobers. Die Habilitationsverfahren verkommen immer mehr zur Leistungsschau von sicherlich exzellenten Forschungsaktivitäten. Aspekte der pädagogischen und didaktischen Eignung gehen dabei zunehmend unter.
Irrweg Verschulung
Auf einen letzten Punkt als Folge der Bildungspolitik der vergangenen Jahre sei an dieser Stelle noch hingewiesen: den Verschulungswahn, der an den Universitäten um sich greift und der durch die Bologna-Studienarchitektur zusätzlich gefördert wird. In Österreich sind die durchschnittlichen Studienzeiten vergleichsweise lang. Das liegt einerseits an überfrachteten Studienplänen, wo schon bei der Curricula-Erstellung klar ist, dass das unmöglich zu schaffen ist, diese Tatsache aber wohlwissend ignoriert wird, und andererseits an den bereits angesprochenen zu geringen Personalkapazitäten als Folge der systematischen Unterfinanzierung der Universitäten.
Mit dem Ziel, die Studienzeiten zu verkürzen, ohne die eigentlichen Ursachen beheben zu müssen, werden vielerorts die Curricula, die in Österreich traditionell in studentischer Eigenverantwortung individuell ausgestaltet werden konnten, zugunsten stark verschulter Studienpläne aufgegeben.
Die verheerenden Folgen dieser Entscheidungen werden jedoch erst schrittweise wirksam und sichtbar werden. Schon heute klagen zunehmend die Lehrenden, dass StudentInnen Seminararbeiten im Stil von Mittelschulaufsätzen schreiben. Mit schöner Regelmäßigkeit findet man Berichte über plagiierte Diplomschriften und Dissertationen. Betrug und Täuschung in der Wissenschaft hat es immer gegeben – da braucht man nichts schönzureden. Dass ungekennzeichnetes Abschreiben nicht in Ordnung ist, versteht sich von selbst. Aber dass die Unis gerade den Verlust an wissenschaftlicher Redlichkeit und den Fertigkeiten, die vom wissenschaftlichen Nachwuchs gefordert wird, beweinen ist eine bittere Realsatire.
Kreativität, die Fähigkeit zu selbstständigem Arbeiten, zur Entwicklung innovativer Lösungen für die gesellschaftlichen und technischen Fragestellungen von morgen kann man sich in einem verschulten Studium, wo schon jedes Detail vorgegeben ist, nicht aneignen. Dies sind aber genau jene Eigenschaften, die neben dem Fachwissen die eigentliche akademische Qualifikation ausmachen! Ein Land, das seinen zukünftigen Führungspersönlichkeiten den Erwerb solcher Schlüsselqualifikationen nicht mehr ermöglicht, beschreitet einen Irrweg.
Diese weitreichenden Konsequenzen der Bildungspolitik hat sich aber offensichtlich niemand vorher so genau überlegt – am allerwenigsten die Bundesministerin selbst. Wer die Geschehnisse in der österreichischen Universitätslandschaft in den vergangenen Jahren beobachtete, konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die zuständige Ministerin Gehrer kein gesteigertes Interesse für den Universitätssektor aufbringen konnte, sondern die Fäden eher im Hintergrund gezogen wurden.
FdIv: Katharina Fallmann, Fachschaftsliste TU Graz, und Katharina Gugerell, Fachschaftsliste Boku